Florian Genske und Julia Krstic (Quelle: rbb/F. Ritter)

Berliner Anwohner wehren sich gegen Nachverdichtung

Durch Nachverdichtungen soll in Berlin dringend benötigter Wohnraum geschaffen werden. In 30 Siedlungen wollen kommunale Gesellschaften bauen. Doch vielerorts regt sich Widerstand gegen die Pläne. Von Franziska Ritter

Eine verschlafene Wohnsiedlung nahe dem Plänterwald in Berlin-Treptow: Zwischen vierstöckigen Wohnblöcken öffnet sich ein grüner Innenhof. Auf dem Spielplatz toben Kinder, in den Bäumen zwitschern Vögel, auf den Bänken sitzen Anwohner. Sonst ist in der Gegend nicht viel los, sagt Julia Krstic, die hier wohnt. "Wir haben keine Treffpunkte für Jugendliche, für Kinder schon gar nicht, und auch nicht für alte Menschen", sagt sie. "Wir haben nur diesen Innenhof und der soll uns genommen werden."


Im Frühjahr wurden Krstic und andere Anwohner von ihrem Vermieter, der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, per Wurfzettel über ein Bauvorhaben informiert. Sechs Neubauten mit Platz für 95 Wohnungen sollen in den kommenden Monaten zwischen Neuer Krugallee, Orionstraße und Dammweg entstehen – die Hälfte vom Land gefördert und für Inhaber eines Wohnberechtigungsscheins gedacht. Der Knackpunkt: Zwei der sechs Gebäude sollen in dem grünen Innenhof entstehen, den die Anwohner so sehr schätzen. Neben dem Spielplatz müssten dafür zig Bäume weichen.

Nachverdichtung nicht sonderlich beliebt

"Bei fast keinem unserer Neubauvorhaben oder der Vorhaben unserer Schwesterunternehmen stößt das Ansinnen, neue Wohnungen zu bauen, auf Gegenliebe", räumt die Stadt und Land auf Nachfrage ein. Es stimme, dass für das Bauvorhaben in Plänterwald Bäume gefällt werden müssen. Aber es gäbe Nachpflanzungen, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Und für die Spielplätze, die weichen müssen, seien Ersatzspielflächen geplant. "Wir erfüllen den Auftrag unseres Gesellschafters und vertreten die Interessen derjenigen, die eine Wohnung brauchen und suchen", argumentiert das Unternehmen.

Julia Krstic hat grundsätzlich nichts gegen neue Nachbarn. Sie fände es gut, wenn neuer Schwung in die Siedlung kommt und die Infrastruktur in der Gegend verbessert wird. "Wir wollen nur nicht, dass kopflos gebaut wird", betont die junge Frau. Die Bewohner der Anlage haben eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. "Bäume roden verboten" steht auf einem großen Transparent, das an der Neuen Krugallee hängt.

Stadtrat verweist auf Baurecht

Der zuständige Stadtrat des Bezirks Treptow-Köpenick, Rainer Hölmer (SPD), kann den Frust der Anwohner verstehen. "Das Bauprojekt hat natürlich große Folgen für das direkte Umfeld", räumt er ein. Er sieht jedoch wenig Spielraum, die Pläne von Stadt und Land zu stoppen. "Der Bezirk entscheidet auf Basis des geltenden Rechts", sagt er. Und der Bauherr habe nunmal Anspruch auf die Erteilung einer Baugenehmigung, wenn das Vorhaben nach Baugesetzbuch Paragraf 34 genehmigungsfähig ist. Dagegen spräche derzeit nichts.

Um ihren grünen Innenhof zu erhalten, hat die Bürgerinitiative Plänterwald bei der zuständigen Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einen Einwohnerantrag eingereicht. Sie fordert damit den Bezirk Treptow-Köpenick auf, bei der Entscheidung über Bauvorhaben Klimafragen zu berücksichtigen. "Viele ältere Menschen, die hier wohnen, sind auf uns zugekommen und haben gesagt: Was ist mit unserer Gesundheit? Wir merken jetzt schon, dass es heißer wird und unsere Wohnungen im Sommer sehr warm sind", sagt Mitstreiter Florian Genske. "Wir möchten, dass das mit bedacht wird."

Pankow stoppte Nachverdichtung mit Verweis auf Klimanotstand

Die Treptower sind mit ihrem Anliegen nicht allein. Zig Initiativen aus ganz Berlin haben sich zu einem Bündnis für nachhaltige Stadtentwicklung zusammengeschlossen und wollen am 16. September vor dem Abgeordnetenhaus demonstrieren. Unter dem Motto "Lasst uns Luft zum Atmen" fordern sie einen Stopp der Nachverdichtung und Vernichtung von Grünflächen.

Sie verweisen auf Pankow, wo in diesem Jahr ein ähnliches Bauvorhaben wie das in Plänterwald verhindert wurde. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gesobau wollte nahe dem Schlosspark 100 neue Wohnungen bauen. Zwei Innenhöfe mit 170 Bäumen hätten dafür geopfert werden müssen. Der Bezirk begründete sein Nein zu dem Bauvorhaben mit dem 2019 in Pankow ausgerufenen Klimanotstand.

Besser in die Höhe bauen?

In den Augen von Baustadtrat Rainer Hölmer taugt die Entscheidung der Pankower nicht für einen Präzedenzfall. Die Argumente der Nachverdichtungskritiker hält er aber für berechtigt. "Neue Baukörper auf bisherige Grünanlagen zu stellen, kann nicht das Ende der Wahrheit sein", sagt Hölmer. Statt weiter Flächen in bestehenden Siedlungen zu versiegeln, plädiert er dafür, in die Höhe zu bauen.

Bei dem Bauvorhaben von Stadt und Land in Plänterwald steht das momentan allerdings nicht zur Debatte. Einziger Hoffnungsschimmer für die Anwohner: Bezirk und Wohnungsbaugesellschaft sind nach Angaben des Stadtrats noch darüber im Gespräch, ob sich kommunale Ausweichflächen für die umstrittenen Neubauten finden.

Sendung: Inforadio, 16.09.2021, 11:31 Uhr


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