Artikel Tagesspiegel klingt wie eine Kopie von Plänterwald

„Sie machen 7000 Menschen unglücklich": Anwohner im Osten Berlins wehren sich gegen Bebauung von grünen Innenhöfen

Mit der Nachverdichtung von Kiezen will Berlin sein Wohnungsproblem lösen. Ein Fall in Kaulsdorf zeigt, wie dadurch neue Konflikte entstehen.

Von Johanna Treblin 13.11.2021, 13:53 Uhr
 
Auf dem Cecilienplatz in Kaulsdorf ist ein großes weißes Zelt aufgebaut. Davor warten in einer langen Reihe Anwohner:innen aus der Umgebung. Es ist kurz vor 18 Uhr, noch rund 60 Menschen stehen in der Schlange. Alle müssen Einladungen und Impfzertifikate vorweisen. Die Stadt und Land hat zu einem Informationsabend eingeladen – und das Interesse ist groß. Sie will zwei grüne Innenhöfe in der Bodo-Uhse- und der Lily-Braun-Straße bebauen. Informiert wurden die Anwohner:innen am 29. September: wie viele Wohnungen entstehen sollen, dass dafür die Garagen, aber auch ihre Grünfläche und Bäume weichen müssen.

Viele der rund 120 Zuhörer:innen sind nicht nur mit offenen Ohren erschienen, sondern auch mit Ärger. Vor allem darüber, dass sie von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Sie haben in den vergangenen Wochen etwa 1700 Unterschriften gegen die Vorhaben gesammelt und hoffen nun auf einen Austausch. Doch viele haben den Eindruck: Am Bau ist nicht mehr zu rütteln.

Die 30 Minuten Vortrag gehen mit Unterbrechungen über die Bühne. Als Stadt-und-Land-Geschäftsführer Ingo Malter erklärt, dass das Unternehmen nicht „aus bösem Willen" handele, und sagt: „Wir schaffen Wohnraum für die Berlinerinnen und Berliner, die jetzt noch gar nicht da sind", erntet er entrüstete Rufe. „Das ist ja wohl der Lacher!", ruft eine Frau. Andere weisen die Zwischenrufer:innen zurecht: „Seid doch mal ruhig da hinten!"

Für die einen Baulücken, für die anderen grüne Nischen

Der Konflikt im Nordosten der Stadt steht exemplarisch für die Wachstumsschmerzen, die Berlin durchlebt. 200.000 neue Wohnungen sollen zwischen 2017 und 2030 entstehen, um die Not der Wohnungssuchenden zu lindern, darauf hatten sich SPD, Linke und Grüne vor vier Jahren in ihrem Koalitionsvertrag verständigt. Ein Teil des Pensums ist geschafft, von 2022 bis 2030 bleiben noch 121.000 Wohnungen zur Planerfüllung übrig. Die designierte Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) will das noch übertreffen und jedes Jahr 20.000 neue Wohnungen bauen. Dabei sind die Flächen in Berlin begrenzt, weshalb sich der Blick auf das richtet, was die einen als Baulücken betrachten und die anderen als grüne Nischen, die eine Großstadt erst lebenswert machen. Das Zauberwort der Planer:innen lautet: Nachverdichtung.

Gerade in Marzahn-Hellersdorf, wo in den Nullerjahren sogar Wohnungen abgerissen wurden, schwören die Leute auf ihren grünen Bezirk. Die Bäume, die seit dem Bau der Großsiedlungen gewachsen sind, haben mittlerweile das Grau verdrängt, ihr Grün entschädigt auch für die geballte Wohnsituation in der Platte.

Neuerdings kommt in der Debatte das Klimaschutz-Argument hinzu: Mit dem „Berliner Bündnis Nachhaltige Stadtentwicklung" gibt es sogar einen stadtweiten Zusammenschluss von Initiativen gegen Verdichtung und Versiegelung. Und in Pankow stoppte das Bezirksamt gegen den Willen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Bebauung grüner Innenhöfe am Schlosspark Schönhausen durch die landeseigene Gesobau – indem es auf den „Klimanotstand" im Bezirk verwies und ein Bebauungsplanverfahren einleitete.

300 neue Wohnungen – und was ist mit der Infrastruktur?

Für die Innenhöfe in Kaulsdorf ist kein Bebauungsplan ausgewiesen, erklärt Stadt-und-Land-Chef Malter bei der Versammlung am Dienstagabend. Deshalb könnten sie nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches bebaut werden, müssten sich aber an der Nachbarbebauung orientieren. In der Bodo-Uhse-Straße 8-10 ist das leicht auf dem Plan zu erkennen, der im Zelt aufgehängt ist: Mit den zwei neuen Wohnhäusern gleicht das Grundstück spiegelbildlich dem Grundstück nebenan. In der Lily-Braun-Straße 13/15 sieht das etwas anders aus, doch auch hier hat das bezirkliche Bauamt die ähnliche Bebauung anerkannt und die Genehmigung erteilt. Geplant sind je Standort rund 150 Wohnungen, verteilt auf sechs Vollgeschosse plus Staffelgeschoss. Baubeginn: vielleicht schon 2022.

Viele Argumente sprechen aus Sicht der Anwohner:innen dagegen: Es wird mehr Bewohner:innen geben, aber weniger Parkplätze. Und das, obwohl der öffentliche Nahverkehr so schlecht ausgebaut sei und Supermärkte in der Umgebung fehlten. Auch an Ärzt:innen mangele es, gerade erst hätten zwei Ärztehäuser geschlossen. Die Kitas platzten aus allen Nähten, und bis die Schulneubauten fertiggestellt seien, würden noch einige Jahre vergehen. „Sie machen 7000 Menschen unglücklich, wenn 1000 neue hinzukommen", sagt eine Frau.

Grüne Innenhöfe wirken im Sommer wie Kühlschränke

Anderen geht es um Natur, Klima und Lebensqualität. „Grüne Innenhöfe wirken im Sommer wie Kühlschränke", sagt ein Mann. Das werde mit der Bebauung zerstört. Eine Frau sagt: „Ich will doch nur als älterer Mensch auf den Hof gehen und mich in die Sonne setzen." Malter kontert die Beiträge anfangs noch verständnisvoll, mit der Zeit wirkt er jedoch genervt. Die Stadt und Land habe den Auftrag zu bauen, und so viele freie Flächen gebe es nicht. Für die Infrastruktur sei die Wohnungsbaugesellschaft nicht zuständig. Möglich sei, eine bis zwei Arztpraxen in den Häusern unterzubringen.

Seit Jahrzehnten Mieter – und dann „überrumpelt"

Zwei Tage später sagt Anwohner Axel Matthies am Telefon, er sei vor allem vom Umgang der Stadt und Land mit ihren Mieter:innen enttäuscht, die hier zum Teil seit 30 Jahren ihre Miete an die Gesellschaft zahlen. „Wir fühlen uns überhaupt nicht wertgeschätzt", erklärt er. „Wir dachten alle, dass der Hof nicht bebaut werden darf. Und dann wurden wir am 29. September mit einer Postwurfsendung überrumpelt."

Tausende neuer Wohnungen sind in den vergangenen Jahren in Marzahn-Hellersdorf entstanden, erst 2020 wurden fast 4000 neue genehmigt – mehr als in jedem anderen Bezirk. Dagegen habe niemand etwas gehabt, sagt Matthies. „Aber jetzt wird ohne Vorwarnung an die Innenhöfe gegangen" – und ohne die Bürger:innen zu beteiligen.

Der Senat hat den Klimanotstand ausgerufen. Nun wird hier alles getan, um das Klima weiter zu gefährden.

Anwohner Axel Matthies zu Rodungen und Versiegelungen

Obwohl die sehr wohl Ideen haben, wie es ginge, ohne alle Bäume zu fällen. Matthies schlägt beispielsweise vor: statt zwei neuer Gebäude nur eines, zudem in klimafreundlicher Holzbauweise und mit nur drei oder vier Geschossen, um nicht allzu viel Licht zu nehmen. „Vor zwei Jahren hat der Senat den Klimanotstand ausgerufen. Nun wird hier alles getan, um das Klima weiter zu gefährden, Bäume zu roden und den Boden zu versiegeln."

Nicht jede Fläche, die rechtlich gesehen bebaut werden kann, sollte auch bebaut werden.

Bezirksvorsitzender Kristian Ronneburg über die neue Linie der Linken

Enttäuscht zeigt sich Matthies auch von Dagmar Pohle, bis Mitte Oktober Bürgermeisterin im Bezirk. Die Linken-Politikerin habe sich immer bürgernah gegeben, dann aber mit Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (auch Linke) den Neubau vorangetrieben.

Bilanz einer Berliner Bürgermeisterin „In der DDR gab es einen größeren Pragmatismus"

Ihr Bezirksvorsitzender Kristian Ronneburg schlägt andere Töne an. Er erklärt per Pressemitteilung, es sei „völlig kontraproduktiv, wenn Flächen, die der Erholung und dem Klima dienen, eingeschränkt oder ganz aufgegeben würden". Er wolle sich bei der Stadt und Land dafür einsetzen, „dass sie das Bauvorhaben zurückstellt. Nicht jede Fläche, die rechtlich gesehen bebaut werden kann, sollte auch bebaut werden". Es müssten nun „Weichen gestellt werden, dass Wohnungsbau endlich auch im Westen und in der Mitte Berlins umgesetzt wird".

CDU fordert Moratorium für Bebauung von Innenhöfen

Auch der CDU-Abgeordnete Alexander J. Herrmann nahm an der Informationsveranstaltung der Stadt und Land teil. Er kritisierte das Vorhaben und wollte im Anschluss die 1700 gesammelten Unterschriften an Bauamtsleiter Sascha Richter übergeben. Die CDU hat das Thema auch auf die Tagesordnung der nächsten Bezirksverordnetenversammlung am 18. November gesetzt. Sie beantragt zum einen, das Vorhaben in Kaulsdorf zu verhindern. Zum anderen fordert sie ein generelles Moratorium für die Bebauung grüner Innenhöfe im Bezirk.
 

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